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Nährstoffe·8 Min. Lesezeit·08.07.2025

Aminosäuren für Pferde: Warum sie unverzichtbar sind

Warum Rohprotein auf dem Sack fast nichts aussagt, was Lysin damit zu tun hat und woran du zu wenig Eiweiß von falschem Eiweiß unterscheidest.

Ein Pferd im Galopp. Muskulatur entsteht aus Aminosäuren, nicht aus Rohprotein.
Ein Pferd im Galopp. Muskulatur entsteht aus Aminosäuren, nicht aus Rohprotein.

Wenn wir über die Fütterung von Pferden sprechen, fallen oft Begriffe wie „Eiweiß", „Rohprotein" oder „Muskelaufbau".

Was viele nicht wissen: Hinter all dem verbergen sich Aminosäuren, die eigentlichen Bausteine des Lebens. Und daraus folgt der wichtigste Satz dieses Beitrags, gleich vorweg:

Die Menge an Eiweiß in der Ration sagt wenig darüber aus, ob dein Pferd versorgt ist. Entscheidend ist die Zusammensetzung, und ob das Eiweiß überhaupt dort ankommt, wo es verwertet werden kann.

Genau deshalb kann ein Pferd mit reichlich Rohprotein im Trog trotzdem schlecht bemuskelt sein. Warum das so ist, klären wir Schritt für Schritt.

Was sind Aminosäuren?

Aminosäuren sind organische Verbindungen, aus denen Proteine aufgebaut sind. Sie übernehmen unzählige Funktionen im Körper deines Pferdes, vom Zellaufbau über Enzymfunktionen bis hin zur Hormonbildung. Sie sind Bestandteil von Muskulatur, Haut, Fell, Horn, Enzymen und Abwehrzellen.

Bildlich: Eiweiß ist nicht ein Baustoff, sondern ein Bausatz aus rund zwanzig verschiedenen Teilen. Der Körper baut daraus, was er gerade braucht. Und wie bei jedem Bausatz gilt: Fehlt ein Teil, steht die Baustelle, auch wenn von allen anderen Teilen reichlich da ist.

Essenziell und nicht-essenziell

Ein Pferd benötigt essenzielle Aminosäuren, da der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Dazu gehören unter anderem:

  • Lysin, der wichtigste limitierende Faktor in der Pferdefütterung
  • Methionin, wichtig für Horn und Fell, schwefelhaltig
  • Threonin
  • Tryptophan
  • Leucin, Isoleucin und Valin, die drei verzweigtkettigen, oft BCAA genannt

Nicht-essenzielle Aminosäuren kann der Körper selbst herstellen, aber nur, wenn die essenziellen ausreichend vorhanden sind.

Lysin, das schwächste Glied

Lysin ist beim Pferd die erstlimitierende Aminosäure. Das heißt: Ist sie knapp, kann der Körper die anderen nicht verbauen, so viel Rohprotein die Ration auch enthält. Der Bausatz steht still, weil ein Teil fehlt.

Das ist der Grund, warum ein Pferd mit reichlich Eiweiß trotzdem Muskeln abbauen kann. Und es ist der Grund, warum „mehr Eiweiß füttern" so oft nicht hilft: Wenn Lysin das Problem ist, bringt eine größere Menge desselben lysinarmen Futters gar nichts.

Warum die Zahl auf dem Sack dich nicht weiterbringt

Auf jedem Futtersack steht ein Rohproteinwert. Der ist ein Analyseergebnis, kein Nährwert. Er sagt nur, wie viel Stickstoff in der Probe war, und rechnet das in Eiweiß um. Er sagt nichts darüber, aus welchen Aminosäuren dieses Eiweiß besteht, und nichts darüber, wie viel davon dein Pferd verwerten kann.

Denn beim Pferd kommt eine Besonderheit dazu. Eiweiß wird im Dünndarm verdaut. Was dort nicht aufgenommen wird, landet im Dickdarm und wird dort von Bakterien zerlegt. Die Aminosäuren, die dabei frei werden, kommen dem Pferd aber kaum noch zugute, weil an dieser Stelle nichts mehr nennenswert aufgenommen wird. Fachleute sprechen deshalb von präcaecal verdaulichem Rohprotein, oft abgekürzt als pcvXP, also dem Anteil, der es tatsächlich bis zur Verwertung schafft.

Für dich heißt das in der Praxis:

  • Zwei Futtermittel mit demselben Rohproteinwert können völlig unterschiedlich viel bringen.
  • Grobes, spät geschnittenes Heu hat viel Gerüstsubstanz. Das Eiweiß darin ist schlechter zugänglich als das in jungem Aufwuchs oder in Luzerne.
  • Ein hoher Rohproteinwert ist kein Qualitätsmerkmal, sondern erst einmal nur eine Zahl.

Ein Hinweis zu den Bedarfszahlen, den du bei den meisten Ratgeberseiten nicht bekommst: Angaben zum Lysinbedarf schwanken je nach Quelle erheblich, und zwar vor allem deshalb, weil manche das gesamte Lysin in der Ration meinen und andere nur den dünndarmverdaulichen Anteil. Zwischen beiden liegt fast der Faktor zwei. Wer eine Zahl nennt, ohne dazuzusagen, welche von beiden gemeint ist, hilft dir nicht weiter. Wenn es für dein Pferd konkret werden soll, gehört das ausgerechnet, nicht geschätzt.

Woher Lysin kommt

Die folgenden Werte sind Richtwerte. Sie schwanken erheblich je nach Charge, Boden, Sorte und Schnittzeitpunkt. Sie zeigen die Größenordnung, nicht mehr.

Quelle Lysin je 100 g Wofür sie sich eignet
Heu, später Schnitt rund 0,2 bis 0,3 g Grundlage, deckt den Bedarf allein selten
Luzerne rund 0,7 bis 0,9 g die verlässlichste Ergänzung aus dem Grundfutter
Leinsamen rund 0,9 g dazu Omega-3, gut für Haut und Fell
Hanfsaat rund 1,0 g breites Aminosäureprofil
Bierhefe rund 3 g hoher Gehalt, deshalb kleine Mengen
Reines Lysin 100 g nur bei nachgewiesenem Mangel und gezielt dosiert

Daran siehst du die Größenordnung: Mit einem Kilo Luzerne deckst du einen erheblichen Teil, mit einem Esslöffel Pulver eher wenig. Und du siehst, warum Luzerne in so vielen Rationen auftaucht. Sie ist die Futterpflanze, die beim Eiweiß am meisten liefert, ohne dass man zu Getreide oder Soja greifen muss.

Warum ich Soja trotz seines guten Aminosäureprofils nicht empfehle, steht in einem eigenen Beitrag. Dasselbe gilt für Kartoffelprotein, das oft als hochwertige Eiweißquelle verkauft wird.

Woran du eine Unterversorgung erkennen könntest

Und hier muss ich ehrlich sein, denn genau an dieser Stelle wird in vielen Ratgebern zu viel versprochen: Es gibt kein Zeichen, das eindeutig auf Aminosäurenmangel hinweist. Alles, was hier steht, kann viele andere Ursachen haben.

Ein Mangel zeigt sich, wenn überhaupt, schleichend und unspezifisch:

  • schlechter Muskelaufbau trotz Training, oder Muskelabbau
  • stumpfes Fell
  • brüchiges Horn und schlechte Hufqualität
  • langsame Regeneration nach Belastung
  • häufigere Infekte

Dieselben Zeichen entstehen aber auch bei Wurmbefall, bei Zahnproblemen, bei Schmerzen im Rücken, bei einer Spurenelementlücke oder bei PPID. Deshalb ist die Reihenfolge wichtig: erst die Ursache eingrenzen, dann füttern. Wer bei stumpfem Fell reflexartig Aminosäuren dazugibt, hat womöglich ein Zahnproblem sechs Monate lang übersehen.

Wie du an einer solchen Frage systematisch herangehst, statt zu raten, steht im Beitrag Dein Pferd zeigt Symptome, aber die Ursache bleibt unklar.

Die Kehrseite: mehr Eiweiß ist nicht besser

Was das Pferd nicht verbaut, muss abgebaut und ausgeschieden werden. Dabei entsteht Ammoniak, der über die Leber zu Harnstoff umgebaut und über die Nieren ausgeschieden wird. Das ist ein normaler Vorgang, aber er kostet.

Ein dauerhafter Eiweißüberschuss ist deshalb kein neutraler Zustand, besonders nicht bei:

  • Pferden mit wenig Arbeit
  • Leberbelastung
  • eingeschränkter Nierenfunktion
  • älteren Pferden

Ein praktisches Zeichen, das viele kennen: Wenn es im Stall stark nach Ammoniak riecht, obwohl regelmäßig gemistet wird, lohnt ein Blick auf das Eiweiß in der Ration. Beweisend ist das nicht, aber es ist ein Anlass nachzurechnen.

Wann eine gezielte Ergänzung sinnvoll ist

Eine Ergänzung kann sinnvoll sein:

  • bei Jungpferden im Wachstum
  • im Muskelaufbau-Training
  • bei Senioren mit Muskelabbau
  • nach Krankheit oder in der Rekonvaleszenz
  • bei tragenden oder laktierenden Stuten
  • im Fellwechsel und bei Hautthemen

In all diesen Fällen liegt der Bedarf über dem Erhaltungsbedarf, teils deutlich. Aber auch hier gilt: sinnvoll heißt ausgerechnet, nicht vorsichtshalber.

Natürlich oder synthetisch?

Es gibt gute natürliche Eiweißquellen wie Luzerne, Esparsette, Leinsamen, Hanfsaaten oder Brennnesselsamen. Sie liefern ein breites Aminosäureprofil und bringen Struktur und andere Nährstoffe mit.

In manchen Fällen, etwa bei einem deutlichen Defizit oder bei hoher Leistung, kann auch eine gezielte Gabe von Lysin und Methionin in reiner Form sinnvoll sein, aber bitte immer bedarfsorientiert.

Der Vorteil der natürlichen Quellen ist, dass man mit ihnen kaum in einen gefährlichen Überschuss gerät. Der Vorteil der reinen Aminosäuren ist, dass man eine bekannte Lücke genau schließen kann, ohne die Ration mit Energie zu überladen. Bei einem leichtfuttrigen Pferd, das ohnehin zu rund ist, ist das ein echtes Argument.

Wann ein Tierarzt gefragt ist

Geh zum Tierarzt, statt an der Ration zu drehen, wenn dein Pferd:

  • deutlich abnimmt, obwohl die Futtermenge stimmt
  • innerhalb weniger Wochen sichtbar Muskulatur verliert
  • auffällig viel trinkt und Wasser lässt, das kann auf die Nieren oder auf PPID hinweisen
  • steif geht, sich beim Antraben festmacht oder dunklen Urin hat
  • trotz sauberer Fütterung stumpfes, spät wechselndes Fell behält

Muskelabbau ist ein Zeichen, das man nicht mit Futter beantworten sollte, bevor man weiß, woher er kommt. Ein Blutbild und eine Untersuchung klären mehr als drei Monate Aminosäurenpulver.

Häufige Fragen

Reicht Rohprotein auf dem Sack als Orientierung?

Nein. Rohprotein sagt, wie viel Stickstoff in der Probe war, nicht, aus welchen Aminosäuren das Eiweiß besteht und wie viel davon im Dünndarm ankommt. Zwei Futtermittel mit demselben Wert können unterschiedlich viel bringen.

Mein Pferd baut keine Muskeln auf. Fehlen Aminosäuren?

Vielleicht, aber es ist bei weitem nicht die häufigste Ursache. Muskelaufbau braucht zuerst passendes Training, Schmerzfreiheit und eine ausreichende Energieversorgung. Fehlt eines davon, hilft kein Eiweiß. Aminosäuren sind der Baustoff, nicht der Bauauftrag.

Ist Luzerne für jedes Pferd geeignet?

Nein. Luzerne liefert viel Eiweiß und viel Calcium. Bei Pferden mit Leberthemen, mit eingeschränkter Nierenfunktion oder in Rationen, die ohnehin calciumreich sind, muss man das einrechnen. Auch der harte Stängelanteil ist nicht für jedes Maul geeignet.

Kann ich Bierhefe dauerhaft füttern?

Bierhefe ist ein Futtermittel und wird üblicherweise in kleinen Mengen gefüttert, oft im Bereich von 10 bis 20 Gramm je 100 Kilo Körpergewicht. Sinnvoller als eine Dauergabe ist auch hier, sie gezielt einzusetzen und danach zu schauen, ob sich etwas verändert hat.

Brauchen alte Pferde mehr Eiweiß?

Häufig ja, weil sie schlechter verwerten und schneller Muskulatur abbauen. Gleichzeitig sind gerade bei Senioren die Nieren häufiger eingeschränkt. Genau deshalb ist das die Gruppe, bei der man nicht pauschal aufstocken sollte, sondern rechnen und im Zweifel ein Blutbild machen lassen.

Wie du es für dein Pferd durchrechnest

Ob bei euch überhaupt etwas fehlt, zeigt erst die Rechnung: Ration aufschreiben, Mengen wiegen, Gehalte zusammenzählen. Beim Eiweiß gilt dabei dasselbe wie bei den Mineralstoffen: Ohne Zahlen ist jede Empfehlung geraten.

Zuletzt fachlich überarbeitet am 07.09.2026.

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