
Verletzungen gehören leider zum Pferdealltag, ob kleine Schramme auf der Koppel, eine Scheuerstelle oder eine größere Wunde nach einem unglücklichen Tritt. Doch während die Erstversorgung früher oft aus einem Griff zum Silberspray oder Blauspray bestand, weiß man heute: Diese Mittel sind auf frischen Wunden fehl am Platz, und können die Heilung sogar verzögern.
Zuerst: gehört diese Wunde überhaupt in deine Hand?
Alles Weitere hier gilt für kleine, oberflächliche Wunden. Ruf den Tierarzt, bevor du selbst anfängst, wenn eines davon zutrifft:
- Die Wunde klafft oder ist tiefer als die Haut. Genäht werden kann in der Regel nur in den ersten Stunden, danach heilt sie offen und mit Narbe.
- Sie liegt über einem Gelenk, einer Sehnenscheide oder am Huf. Eine Gelenkbeteiligung ist ein Notfall, auch wenn die Wunde winzig aussieht.
- Nageltritt oder ein anderer Stich in die Sohle. Den Nagel darfst du ziehen. Merk dir vorher genau, an welcher Stelle er saß, in welchem Winkel und wie tief er steckte, am besten fotografierst du ihn neben der Stelle, bevor du ihn wegnimmst. Diese Angaben sind für die Beurteilung wichtiger als der Nagel selbst. Danach die Eintrittsstelle bis zum Tierarzt vor Schmutz schützen.
- Jeder Verdacht, dass sich das Pferd am Huf in etwas Spitzes getreten hat. Solche Verletzungen sind tückisch, weil oben nur eine kleine Eintrittsstelle zu sehen ist und der Kanal darunter tief gehen kann. Der Tierarzt spült gründlich und verbindet.
- Die Blutung hört nach zehn Minuten Druck nicht auf, oder das Blut tritt pulsartig im Takt des Herzschlags aus. Dann kann ein größeres Blutgefäß verletzt sein.
- Das Pferd lahmt, die Stelle schwillt an, wird heiß oder ist schmerzempfindlich. Das sind deutliche Entzündungszeichen und gehören angesehen.
- Der Tetanusschutz ist unklar. Leg den Equidenpass bereit und lass die Impfung bei Gelegenheit auffrischen, wenn der letzte Eintrag länger zurückliegt.
Bleibt es bei der Schramme auf der Koppel, geht es so weiter.
Trau dich, die kleinen Sachen selbst zu versorgen
Rund achtzig Prozent dessen, was sich ein Pferd im Alltag holt, ist oberflächlich: Schrammen, Kratzer, aufgescheuerte Stellen. Da brauchst du niemanden, der dir die Hand führt. Du kannst deinem Pferd hier selbst gut zur Seite stehen, wenn du fünf Dinge beachtest.
- Sei schnell. Je früher du dich um eine frische Schramme kümmerst, desto weniger Schmutz und Keime sitzen darin fest. Die Stelle, die du morgens gleich sauber machst, macht abends meist weniger Arbeit.
- Halte die Wunde sauber. Nur eine saubere Wunde kann zugehen. Belag und eitrige Stellen also lieber einmal mehr vorsichtig abspülen als einmal zu wenig.
- Denk an die Hygiene bei dir selbst. Zieh Einmalhandschuhe an, auch bei einer kleinen offenen Stelle. So trägst du nichts von deinen Händen in die frische Wunde, und du schützt dich selbst gleich mit.
- Nimm passende Mittel. In eine frische Wunde gehören keine Fremdstoffe, also kein Silber- oder Blauspray, kein Zinkspray, keine Salbe und keine Creme. Was einen Film bildet oder Farbe hinterlässt, hat dort nichts verloren.
- Arbeite feucht. Das ist der Kern der modernen Wundversorgung und der Punkt, an dem sie sich von allem unterscheidet, was seit dreißig Jahren im Stallschrank steht. Warum, steht gleich weiter unten.
Und die Grenze bleibt die von oben: Alles, was tief geht, klafft, stark blutet oder das Pferd lahmen lässt, ist kein Fall für den eigenen Putzkasten.
Warum Silber- und Blausprays problematisch sind
Silbersprays legen sich wie eine starre Schicht über die Wunde, das sieht sauber und geschützt aus, verhindert aber oft den notwendigen Luftaustausch. Silber wirkt außerdem nicht nur gegen Keime: Es kann auch die Zellen belasten, die die Wunde schließen sollen. In der Humanmedizin gelten silberhaltige Auflagen deshalb heute als Mittel für den begründeten Einzelfall und nicht mehr als Standard, und dort werden sie kontrolliert dosiert und wieder abgenommen. Ein Spray aus zwanzig Zentimetern Entfernung ist etwas anderes.
Blausprays enthalten oft Farbstoffe und Desinfektionsmittel, die reizend wirken. Das Einfärben erschwert zudem die Beurteilung der Wunde und ihrer Heilung. Bei einem Teil der blauen Präparate kommt die Farbe von Gentianaviolett, auch Kristallviolett genannt. Dieser Farbstoff gilt inzwischen als bedenklich und ist bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen, nicht zugelassen. Für Pferde ist das nicht nebensächlich: Sie gelten rechtlich als lebensmittelliefernd, solange das im Equidenpass nicht ausdrücklich ausgeschlossen wurde. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich also.
Kurz gesagt: Beide gehören nicht auf Wunden. Auch in der Tiermedizin gelten sie längst als überholt, sie stammen aus einer älteren Generation der Wundversorgung.
Was heute stattdessen empfohlen wird
Damit du weißt, wovon die Rede ist, wenn deine Tierärztin etwas anderes mitbringt als das, was du aus dem Stall kennst: In der Wundantiseptik haben sich drei Wirkstoffgruppen durchgesetzt, und keine davon färbt.
- Octenidin gilt bei akuten, infizierten Wunden als Mittel der Wahl. Sehr gut untersucht und breit wirksam.
- Polihexanid wird vor allem dort eingesetzt, wo eine Wunde länger braucht, weil es das Gewebe wenig belastet.
- Hypochlorige Säure, auf Flaschen als HOCl abgekürzt, ist die neuere Option. Der Stoff kommt dem nahe, was körpereigene Abwehrzellen selbst bilden, er wirkt sehr schnell und darf als eines der wenigen Mittel auch mit Knorpel in Berührung kommen. Entscheidend ist dabei, dass Konzentration und Aufmachung auf das Pferd abgestimmt sind und nicht einfach aus der Humanmedizin übernommen wurden. Pferdehaut, Wundgrößen und die Mengen, die man im Stall braucht, sind andere als beim Menschen. Genau damit arbeite ich, dazu gleich mehr.
Was alle drei gemeinsam haben: Sie brennen nicht, sie färben nicht, und sie lassen die Wunde beurteilbar. Genau daran scheitern Blau- und Silberspray.
Und der Grundsatz, der alles andere trägt: Eine Wunde heilt feucht besser als trocken. Das klingt erst einmal falsch, weil eine Kruste nach Heilung aussieht. Unter einer Kruste arbeitet der Körper aber langsamer, und die Narbe wird größer.
So geht pferdegerechte Wunddesinfektion heute
Eine moderne Wundversorgung folgt drei einfachen Schritten.
Schritt 1: reinigen und desinfizieren
Mit einer Wundspüllösung oder einem Desinfektionsmittel für Pferde wird Schmutz von der Hautoberfläche gespült, ohne sie zu reizen. Ich arbeite selbst mit dem Haut-Talent Nr. 1 von Bäralis. Die flüssige Lösung brennt nicht und lässt die Wundumgebung sauber zurück.
Schritt 2: feucht halten
Nach der Reinigung kommt ein Gel auf die betroffene Stelle. Es reduziert die Keimzahl über einen längeren Zeitraum als eine Spülung, die nach ein paar Minuten abgetrocknet ist. Der fachliche Hintergrund steht oben: Eine feucht gehaltene Wunde verkrustet kaum. Die feuchte Wundbehandlung ist gut untersucht und gilt heute als Standard.
Ich nehme dafür das Hydro-Gel Nr. 2 aus derselben Reihe. Es unterstützt die Keimreduktion und legt einen Feuchtigkeitsfilm über die Stelle, die Wundfläche bleibt dabei jederzeit einsehbar.
Schritt 3: Schutz vor Fliegen und Schmutz
Gerade im Sommer sind offene Wunden ein Magnet für Fliegen. Statt Farbspray eignet sich ein Fliegenschutz-Pflaster, das die Wunde sauber hält, Insekten fernhält und trotzdem Luft durchlässt. Ich nehme das Pferde-Pflaster von Bäralis: durchsichtig, luftdurchlässig und einfach anzubringen.
Ein Hinweis aus der Praxis, damit du nicht enttäuscht bist: Am ruhigen Pferd hält so ein Pflaster gut, an Stellen mit viel Bewegung nicht ewig. An Bein, Bauch und Brust verstärkst du die Ränder deshalb am besten gleich mit, zum Beispiel mit einem elastischen Pflaster oder einem Streifen Tape rundherum. Das kostet dreißig Sekunden und spart dir das dritte Pflaster am selben Tag.
Und wenn du es dir einfach machen willst
Die drei Schritte brauchen drei Sachen, und die einzeln zusammenzusuchen ist lästig. Es gibt sie zusammen als Stallapotheke, mit Preisvorteil gegenüber dem Einzelkauf. Das ist der bequemste Weg, den Schrank einmal richtig zu bestücken, statt beim nächsten Mal wieder mit dem Farbspray dazustehen.
Worauf es am Ende ankommt
Moderne Wundversorgung beim Pferd bedeutet:
sanfte Reinigung
gezielte Keimreduktion
atmungsaktiver Schutz
Damit gibst du der Wunde die Bedingungen, unter denen der Körper am besten arbeiten kann, und du kannst jederzeit sehen, wie es darunter aussieht. Was die Wunde daraus macht, entscheidet immer noch sie selbst, und wenn sie sich nicht so entwickelt wie erwartet, gehört sie in tierärztliche Hand.
Häufige Fragen zu Blauspray und Silberspray
Darf man Silberspray auf offene Wunden sprühen?
Auf eine frische, offene Wunde gehört es nicht. Der Film, den es bildet, verschließt die Wunde nach außen, und Silber belastet auch die Zellen, die sie schließen sollen. Für trockene, bereits verschlossene Stellen ist es weniger kritisch, nur braucht es dort meist auch nichts mehr.
Brennt Silberspray auf der Wunde?
Meist ist es weniger das Silber als das Treibmittel und der Alkohol im Spray, die brennen. Dass ein Pferd bei jeder Behandlung zurückweicht, ist kein Randproblem: Beim nächsten Mal lässt es sich schlechter anfassen, und das macht die Versorgung schwieriger als die Wunde selbst.
Was ist der Unterschied zwischen Blauspray und Silberspray?
Blauspray färbt und desinfiziert, meist mit Farbstoff und Alkohol. Silberspray legt einen silbrigen Film über die Wunde. Beide haben dasselbe Grundproblem: Sie verschließen und verfärben, und danach kann niemand mehr beurteilen, wie die Wunde tatsächlich aussieht. Ob sich unter dem Blau eine Entzündung entwickelt, sieht man erst, wenn das Pferd lahmt.
Blauspray oder Silberspray, was ist besser?
Keins von beidem, jedenfalls nicht auf einer frischen Wunde. Die Frage ist so ähnlich wie die, ob man mit Öl oder mit Butter einen Brand löscht. Was hilft, ist reinigen, feucht halten und vor Fliegen schützen.
Warum benutzen so viele Ställe die Sprays trotzdem?
Weil sie billig sind, ewig halten und die Wunde sofort versorgt aussehen lassen. Das ist eine ehrliche Antwort: Sie geben ein gutes Gefühl. Nur nützt das dem Gewebe darunter nichts.
Brauche ich für eine kleine Schramme wirklich Handschuhe?
Ja, und zwar aus zwei Richtungen. An deinen Händen sitzt alles, was du vorher angefasst hast, von der Stallgasse bis zum Hufkratzer, und das willst du nicht in einer frischen Wunde haben. Umgekehrt schützt du auch dich selbst. Eine Schachtel Einmalhandschuhe kostet fast nichts und gehört in jede Stallapotheke.
Was gehört in eine Stallapotheke, wenn nicht Farbspray?
Ein mildes Mittel zum Reinigen, ein Gel oder eine Lösung für die Keimreduktion, luftdurchlässige Pflaster, Einmalhandschuhe, eine sterile Kompresse, eine elastische Binde und eine Rolle Klebeband. Dazu die Telefonnummer deiner Tierärztin an der Innenseite des Schranks.
Wenn Wunden immer wieder schlecht heilen
Eine einzelne Wunde, die langsam heilt, ist meistens eine Frage der Versorgung vor Ort. Häufen sich aber schlecht heilende Stellen, lohnt der Blick nach innen. Zink und Kupfer sind an jedem Zellaufbau beteiligt, und im deutschen Heu sind beide fast immer knapp. Wie du nachrechnest, ob bei euch genug ankommt, steht im Beitrag über natürliches Mineralfutter.
Kommt an einer bestimmten Stelle immer wieder etwas wieder, besonders in der Fesselbeuge, ist es oft gar keine Wunde im eigentlichen Sinn. Dann lies weiter bei Mauke, denn dort sitzt die Ursache selten in der Haut selbst.
Und wenn eine Stelle über Wochen nicht zugeht, immer wieder aufbricht oder langsam größer wird, gehört auch ein Sarkoid in Betracht gezogen. Es wird häufig monatelang als schlecht heilende Wunde behandelt.
Zuletzt fachlich überarbeitet am 09.09.2026.