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Grundlagen·7 Min. Lesezeit·08.07.2025

Pferd natürlich füttern, ganz ohne Industriefutter

Volle Futtersäcke und trotzdem Lücken in der Ration. In fünf Schritten von gutem Raufutter über Eiweiß und Mineralstoffe bis zu Kräutern, ohne Fertigfutter.

Ein Pferd frisst in einer Blumenwiese. Die Grundration entscheidet, nicht der Futtersack.
Ein Pferd frisst in einer Blumenwiese. Die Grundration entscheidet, nicht der Futtersack.

Immer mehr Pferdebesitzerinnen stellen sich genau diese Frage, und das aus gutem Grund: unzählige Futtersäcke im Regal, klangvolle Namen, bunte Verpackungen, und beim Blick auf die Zutatenliste bleibt die Frage, was davon das Pferd eigentlich braucht.

Aber ist es überhaupt möglich, ein Pferd ohne fertige Mischfuttermittel gesund und leistungsfähig zu ernähren?

Ja. Und es ist einfacher, als du denkst, weil der größte Teil der Versorgung ohnehin aus etwas kommt, das kein Hersteller abfüllt: aus dem Heu.

Was es dafür braucht, ist keine lange Einkaufsliste, sondern eine Reihenfolge. Die kommt gleich.

Warum überhaupt weg vom Tütenfutter?

Vorweg, damit hier nichts Falsches steht: Fertigfutter ist nicht per se schlecht, und es gibt sehr ordentliche Produkte. Das Problem liegt woanders.

Viele Mischfuttermittel enthalten:

  • Zucker, Melasse oder Aromastoffe, häufig als Presshilfe oder um die Akzeptanz zu erhöhen
  • Füllstoffe wie Weizenkleie, Trester oder Pressrückstände, die vor allem Volumen machen
  • Wenig Auskunft über Herkunft und Qualität der einzelnen Bestandteile

Und daraus ergibt sich der eigentliche Punkt: Wer seine Ration aus mehreren Fertigprodukten zusammensetzt, verliert schnell den Überblick. Zwei Produkte, die beide Mineralstoffe enthalten, addieren sich. Zucker und Stärke summieren sich über drei Komponenten, ohne dass es irgendwo als Zahl auftaucht.

Genau diese Unübersichtlichkeit ist es, die mir in der Beratung am häufigsten begegnet. Nicht ein einzelnes böses Produkt, sondern eine Ration, die niemand mehr durchrechnen kann. Und was man nicht durchrechnen kann, kann man auch nicht anpassen, wenn etwas nicht stimmt.

Schritt 1: Zurück zur Basis, gutes Raufutter

Die Grundlage jeder ganzheitlichen Fütterung ist und bleibt Heu, in guter Qualität und passender Menge.

Faustregel: mindestens 1,5 kg Heu je 100 kg Körpergewicht, bei einem 600-Kilo-Pferd also rund 9 bis 12 kg am Tag. Das ist eine Untergrenze, kein Zielwert.

Genauso wichtig wie die Menge ist die Verteilung. Der Pferdemagen bildet rund um die Uhr Säure, auch wenn nichts drin ist. Fresspausen über vier Stunden sind deshalb ein eigenes Problem, unabhängig davon, wie gut das Heu ist. Warum das so ist, steht im Beitrag über den Pferdedarm.

Und der Schritt, den fast alle überspringen: Lass dein Heu analysieren. Es kostet ungefähr 40 bis 80 Euro und gilt für die ganze Charge, also oft ein ganzes Jahr. Ohne diese Zahlen ist alles, was danach kommt, geraten. Mit ihnen weißt du, wo tatsächlich eine Lücke ist, und sparst dir die Hälfte der Ergänzungen.

Wenn dein Pferd kein Heu mehr fressen kann, etwa wegen der Zähne, sind Heucobs der Weg. Sie sind kein Kraftfutter, sondern Heu in anderer Form.

Und wenn dein Pferd zu viel auf den Rippen hat, aber trotzdem lange Fresszeiten braucht, gehört Haferstroh oder Grünhaferstroh in die Basis. Damit streckst du die Raufutterration, ohne die Menge im Netz zu kürzen.

Schritt 2: Energie und Eiweiß natürlich ergänzen

Erst wenn das Raufutter steht, stellt sich die Frage, ob überhaupt etwas fehlt. Bei einem Freizeitpferd im Erhalt lautet die Antwort oft: nein.

Wenn doch, dann gezielt:

  • Ölsaaten wie Leinsamen, Hanfsamen oder Sonnenblumenkerne, für Energie und Fettsäuren
  • Cobs aus Luzerne, Esparsette oder Grünhafer, für Eiweiß und Struktur
  • Bierhefe, in kleinen Mengen, für Aminosäuren und B-Vitamine

Also nährstoffdichte Komponenten statt Stärke. Worauf es beim Eiweiß wirklich ankommt, und warum die Rohproteinangabe auf dem Sack so wenig aussagt, steht im Beitrag über Aminosäuren.

Von Soja und Kartoffelprotein rate ich ab, aus Gründen, die jeweils in einem eigenen Beitrag stehen: Soja und Kartoffelprotein.

Schritt 3: Mineralstoffe, und hier wird es ernst

Das ist der Schritt, an dem naturnahe Fütterung am häufigsten scheitert, und zwar in beide Richtungen.

Kräuter und Samen allein decken den Spurenelementbedarf nicht. Ein 600-Kilo-Pferd braucht rund 500 Milligramm Zink am Tag. In hundert Gramm Kräutermischung stecken davon wenige Milligramm. Wer die Spurenelemente ganz weglässt, weil sie „nicht natürlich" seien, spart am falschen Ende.

Sinnvoll ist deshalb die Kombination:

  • eine breite pflanzliche Basis aus Kräutern, Samen und natürlichen Mineralträgern
  • dazu eine gezielte Ergänzung genau dort, wo die Heuanalyse eine Lücke zeigt
  • klar deklariert, mit Zahlen je Kilogramm, nicht nur mit Zutatennamen

Vorsicht bei Seealgenmehl. Es wird oft als natürliche Mineralquelle empfohlen, ist aber vor allem eine sehr ergiebige Jodquelle. Je nach Charge stecken darin bis zu 3.000 Milligramm Jod je Kilo, während ein Großpferd am Tag nur rund 2 Milligramm braucht. Schon wenige Gramm können den Bedarf um ein Vielfaches überschreiten, und zu viel Jod belastet die Schilddrüse genauso wie zu wenig. Also nur mit Deklaration und Waage, nie nach Gefühl.

Wie du das im Einzelnen aufbaust und durchrechnest, steht ausführlich im Beitrag über natürliches Mineralfutter.

Schritt 4: Kräuter gezielt einsetzen, nicht einfach mischen

Kräuter sind kein Allheilmittel, und sie sind auch kein Grundfutter. Sie sind Futtermittel mit Inhaltsstoffen, die etwas bewirken können, und deshalb gehören sie dosiert und zeitlich begrenzt eingesetzt.

Drei Regeln, an die ich mich halte:

Kurweise, nicht dauerhaft. Drei bis sechs Wochen, dann eine Pause von mindestens derselben Länge. Eine Mischung, die seit zwei Jahren täglich im Trog landet, ist keine Kur mehr, sondern ein Bestandteil der Ration, dessen Wirkung niemand mehr beurteilen kann.

Eine Sache zur Zeit. Wer gleichzeitig drei Mischungen füttert und dann eine Veränderung sieht, weiß nicht, woran es lag. Und wer nichts sieht, weiß es erst recht nicht.

Nicht auf Verdacht bei kranken Pferden. Bei Leber-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen, bei tragenden Stuten und bei Pferden in tierärztlicher Behandlung gehört jede Kräutergabe vorher besprochen. Manche Pflanzeninhaltsstoffe beeinflussen die Wirkung von Medikamenten.

Und die ehrliche Einordnung, die du bei den Herstellern selten liest: Für die meisten Futterkräuter gibt es beim Pferd keine belastbaren Studien. Was wir haben, ist lange Erfahrung und Wissen über die Inhaltsstoffe. Das ist etwas wert, aber es ist kein Wirksamkeitsnachweis. Kräuter sind Futter, keine Arznei, und sie ersetzen keine tierärztliche Behandlung.

Schritt 5: Beobachten, anpassen, verstehen

Eine ganzheitliche Fütterung ist kein starres System. Lerne dein Pferd zu lesen:

  • Wie ist die Verdauung, wie sieht der Kot aus?
  • Wie ist das Fell, wie das Horn?
  • Wie sind Energie und Rittigkeit?

Zwei praktische Hinweise dazu, die den Unterschied machen:

Ändere eine Sache und warte. Mineralstoffe und Darmflora arbeiten in Wochen, nicht in Tagen. Rechne mit sechs bis acht Wochen, bevor du beurteilst, ob etwas gebracht hat. Wer alle zwei Wochen etwas Neues dazugibt, kann am Ende nichts mehr zuordnen.

Schreib es auf. Drei Zeilen am Tag reichen: Heumenge, längste Fresspause, Auffälligkeiten. Ohne Aufschrieb verlässt du dich nach zwei Monaten auf dein Gefühl, und das täuscht in beide Richtungen.

Womit du anfängst, wenn du es umstellen willst

Nicht mit allem auf einmal. Die Reihenfolge, die sich bewährt hat:

  1. Erst das Raufutter. Menge wiegen, Fresspausen messen, Qualität prüfen. Solange das nicht sitzt, bringt der Rest wenig.
  2. Dann die Mineralversorgung, weil dort die häufigsten Lücken sind.
  3. Dann das Kraftfutter reduzieren, langsam, über zwei bis vier Wochen.
  4. Zuletzt die Kräuter, gezielt und kurweise, nicht als Dauerbeigabe.

Wer in umgekehrter Reihenfolge anfängt, also mit Kräutern und Zusätzen, ändert viel und merkt wenig.

Wann ein Tierarzt gefragt ist

Eine Futterumstellung ist kein Ersatz für eine Untersuchung. Zum Tierarzt gehört dein Pferd, wenn es:

  • deutlich abnimmt oder zunimmt, ohne dass sich die Ration geändert hat
  • wiederkehrend fühlig geht oder lahmt
  • auffällig viel trinkt und Wasser lässt
  • anhaltend Durchfall hat, länger als zwei bis drei Tage
  • trotz sauberer Fütterung stumpfes, spät wechselndes Fell behält

Der letzte Punkt gehört zu den frühen Hinweisen auf PPID, im Stall meist Cushing genannt. Das ist eine Erkrankung und kein Fütterungsfehler.

Häufige Fragen

Braucht ein Freizeitpferd überhaupt Kraftfutter?

In den meisten Fällen nicht. Ein gesundes Pferd im Erhalt oder in leichter Arbeit deckt seinen Energiebedarf über gutes Raufutter. Was fast immer fehlt, sind Mineralstoffe und Salz, nicht Energie.

Ist ganzheitlich füttern teurer?

Am Anfang oft ja, weil eine Heuanalyse und einzelne Komponenten Geld kosten. Auf Dauer meist nicht, weil viele Zusätze wegfallen, die vorher auf Verdacht gefüttert wurden. Der größte Kostenblock bleibt in beiden Fällen das Heu.

Kann ich einfach alle Zusätze weglassen?

Nein, jedenfalls nicht bei den Spurenelementen und beim Salz. Beides deckt Heu nicht ab, und das ändert sich auch nicht dadurch, dass man naturnah füttert.

Wie lange dauert eine Umstellung?

Rechne für die Futterumstellung selbst mit zwei bis vier Wochen und für die sichtbare Wirkung mit sechs bis zwölf Wochen. Die Darmflora braucht diese Zeit, und in den ersten beiden Wochen passiert oft gar nichts Sichtbares.

Mein Stall füttert für alle dasselbe. Was kann ich tun?

Fang mit dem an, was du beeinflussen kannst: die Heumenge, die du zufütterst, die Fresspausen, und dein eigenes Mineralfutter statt der Stallmischung. Das sind bereits die beiden größten Hebel.

Wenn du es systematisch lernen willst

Wenn du nicht nur umstellen, sondern verstehen willst, warum etwas so gehört, ist das genau der Inhalt meines Basisfutterkurses. Und wenn du erst einmal wissen willst, wo bei euch die Lücke sitzt, fang mit dem Futter-Check an, der kostet nichts.

Zuletzt fachlich überarbeitet am 07.09.2026.

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